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Installation / 2014 / 3,00 x 3,00 x 2,50 m / Zellfaser, korrodiertes Eisen, Projektion, Sound

Übermannshoch steht der große Block im Vestibül der Akademie und damit im topografischen Zentrum der Akademie. Seine schiere Größe und die aussergewöhnliche Materialbeschaffenheit locken den Betrachter sofort in seine Nähe, wie ein matter Magnet: Der Kubus weist eine großflächig strukturierte Oberfläche aus Rost und Rissen auf, die äußerst lebendig wirkt. Und tatsächlich arbeitet das Material, mit Metallspänen überzogenes Pappmaché, durch Trocknung und Oxydation in langsamer Kontraktion an seiner endgültigen Formwerdung. Merkwürdigerweise scheint dabei die strenge geometrische Würfelform – Inbegriff aller Festigkeit – jeden Moment zu bersten.
Ein dumpfes Dröhnen dringt aus dem Inneren des Kubus, die Geräusche von Wasser, Wellen und Bewegung und die Lichtspiegelungen an der Decke lassen auf ein Innenleben schließen. Der Kubus ist also ein Behältnis, und zwar das einer unscharfen Vision, einer ungewissen Angst. Simone Kessler verwendet die klassischen Mittel eines Filmsettings wie Licht, Ton, Technik und Requisite, um eine bedrohliche, aber unsichtbar bleibenden Fiktion im Inneren des Quaders zu erzeugen. Der Titel Amity gibt einen Hinweis auf das Geschehen, denn Amity Island ist der fiktive Name des Handlungsortes von Steven Spielbergs „Jaws“: Der Kubus ist ein Haifischbecken.
Mehr noch wie Spielberg verzichtet Kessler auf das genaue Zeigen des Ursprunges der Angst, es bleibt bei Andeutungen. Das große Behältnis, faszinierend und anziehend wie ein großer animistischer Fetisch oder eine meditative japanische Raku-Plastik, scheint vertrauenserweckend groß und mächtig in sich selbst zu ruhen. Die aus dem Inneren nach aussen dringende latente Drohkulisse versinnbildlicht die unkontrollierbare Angst vor plötzlich auftauchendem Unheil. Aus dem beruhigenden Behältnis der Kulturkonvention, so warm, mächtig und lebendig es uns erscheinen mag, kann diese animalische Angst jederzeit hervorbrechen und die schützende Hülle zerreißen.
Simone Kessler vereint diese Ambivalenz von Vertrauen und Schrecken zu einer imposanten Installation.


(Text: Susn Kohl)